Zahnschmerzen und historische Geheimittel für die Zahngesundheit

Zahnschmerzen und historische Geheimittel für die Zahngesundheit

Thema: Zahnschmerzen im 19. Jahrhundert und die fragwürdigen “Geheimmittel” jener Zeit

Quellen:

  • Brockhaus (1885-1898)
  • Meyers Lexikon (1885-1898)

Wenn der Zahn pocht: Zahnschmerzen früher und heute

Zahnschmerzen gehören zu den unangenehmsten Beschwerden, die der menschliche Körper erleben kann. Schon im 19. Jahrhundert suchten Millionen Menschen nach Mitteln und Wegen, um die quälenden Schmerzen zu lindern. Die Wissenschaft verstand damals bereits einiges über die Ursachen von Zahnschmerzen, doch die Behandlungsmethoden unterschieden sich grundlegend von denen heute.

Die verschiedenen Arten von Zahnschmerzen

Die damalige Medizin unterschied grundsätzlich zwischen zwei Hauptarten von Zahnschmerzen: dem idiopathischen Zahnschmerz, der seinen Sitz direkt im Zahn selbst hat, und dem sympathischen Zahnschmerz, der von anderen, oft weiter entfernten Körperregionen ausgelöst wird.

Der häufigste idiopathische Zahnschmerz entstand durch die Entblößung der Nerven an kariösen Zähnen. Diese Schmerzart charakterisierte sich durch klopfende und reißende Schmerzen, die bei Anwendung von Kälte ebenso wie bei Hitze an Intensität zunahmen. Bei oberflächlicher Karies konnte der Zahn noch durch eine Füllung gerettet werden; war die Zerstörung bereits zu weit fortgeschritten, blieb nur die Extraktion des Zahns.

Die Behandlung im 19. Jahrhundert

Um eine vorübergehende Linderung zu erreichen, führten Zahnärzte jiner Zeit kleine Wattebäuschchen in die kariöse Höhle ein. Diese waren getränkt mit ätzenden Mitteln wie Nelkenöl oder Kreosot, oder aber mit betäubenden Substanzen wie Chloroform, Morphium oder Opium.

Die radikalen Methoden: Arsen und glühende Nadel

Eine radikalere Methode war die Zerstörung der bloßliegenden Nervenendigungen mit Arsenikpaste – ja, demselben Gift, das auch als Rattengift verwendet wird! Oder aber man nutzte buchstäblich die glühende Nadel, um den Nerv zu “verbrennen”. Keine Methode für schwache Nerven!

Wenn der Zahn gezogen werden musste: Die brutale Realität

Kam man um eine Zahnextraktion nicht herum, standen die Patienten vor einer horrenden Qual: Es gab keine Betäubung!

Der einzige “Trost” war ein kräftiger Schluck Alkohol – mehr nicht. Die Schmerzen müssen unvorstellbar gewesen sein, wenn der Zahnarzt mit der Zange ansetzte und den Zahn aus dem Kiefer riss. Manchen Patienten wurde schwarz vor Augen, andere schrien vor Schmerz – und manch einer brach sogar zusammen.

Erst mit der Entdeckung des Lachgases (1867) und später anderer Narkosemittel wurde dieses Martyrium erträglicher.

Zahnpillen – eine hochgefährliche Mischung

Eine weitere, heute kaum vorstellbare Behandlungsmethode waren die sogenannten Zahnpillen (Pilulae odontalgicae). Diese enthielten eine hochgefährliche Mischung:

  • Opium (starkes Schmerzmittel mit enormem Suchtpotenzial)
  • Belladonna (Tollkirsche – enthält Atropin und ist hochgiftig!)
  • Bertramwurzel
  • Nelkenöl und Kajeputöl
  • Gelbes Wachs und Mandelöl als Trägersubstanz

Diese Pillen wurden direkt in die Zahnglocke eingeführt, um den Schmerz zu betäuben. Die Kombination aus zwei starken Giften war jedoch extrem riskant – was eigentlich nur zeigt, wie verzweifelt Menschen damals waren, um den Schmerz loszuwerden.

Der rheumatische Zahnschmerz

Eine besondere Form war der sogenannte rheumatische Zahnschmerz. Hier war der Schmerz nicht an einer Stelle fixiert, sondern wanderte, und mehrere, manchmal sogar gesund erscheinende Zähne waren gleichzeitig befallen. Die Hauptindikation bei dieser Form war die Wiederherstellung der unterdrückten Hautfunktionen. Als Mittel wurden Aufgüsse von Fliederblüten mit Zitronensaft innerlich sowie Senfmehl-Asche-Fußbäder äußerlich empfohlen. Auch Senfteig auf den Oberarm, Kantharidenpflaster hinter die Ohren oder in den Nacken sollten Linderung verschaffen. Bei entzündlichem Charakter wurden Blutegel eingesetzt.

Wichtig war den Ärzten damals zu betonen, dass bei rheumatischem Zahnschmerz keine Zahnextraktionen vorgenommen werden sollten, da sich das Übel sonst auf benachbarte Teile und manchmal sogar auf die Ohren ausweiten konnte.

Der gichtische Zahnschmerz

Dem rheumatischen sehr ähnlich, aber nicht damit zu verwechseln, war der gichtische Zahnschmerz. Dieser rührte von eingewurzelter Gicht her und wich häufig auch den wirksamsten Lokalmitteln nicht, bis man gegen das innere Übel selbst erfolgreich ankämpfen konnte. Als Linderungsmittel wurden Kataplasmata von Schierling und Bilsenkraut, Blutegel, erregende Fußbäder und Einreibungen in das Zahnfleisch mit Opium- oder Bilsenkrautextrakt empfohlen. Auch hier waren Zahnextraktionen vollkommen nutzlos.

Der periostitische Zahnschmerz

Diese Form beruhte auf einer Entzündung der Knochenhaut, die den Zahn in seiner Alveole befestigte. Der Schmerz begann dumpf und wurde später zu einem sehr lebhaften klopfenden Schmerz. Der betroffene Zahn war bei der geringsten Berührung äußerst empfindlich und schien dem Patienten länger als die übrigen Zähne. Am Zahnfleisch traten vermehrt Röte und Geschwulst auf, die sich allmählich auf die Wange ausbreiteten. Nicht selten bildete sich ein Zahngeschwür, das die Mundschleimhaut durchbrach.

Der nervöse Zahnschmerz

Eine weitere Kategorie war der nervöse Zahnschmerz, dessen letzte Grundlage in einer allgemeinen Verstimmung des Nervensystems lag. Charakteristisch war, dass sich weder Geschwulst noch Röte der umliegenden Teile zeigten und niemals Zahnfleischabszesse beobachtet wurden. Der idiopathisch-nervöse Zahnschmerz äußerte sich durch flüchtige, lebhafte Stiche in den betroffenen Zähnen, die in unbestimmten Zeiträumen wiederkehrten und weder durch Kälte noch durch Wärme gebessert wurden.

Der sympathisch-nervöse Zahnschmerz unterschied sich davon nur dadurch, dass er durch Konsens mit entfernteren Organen hervorgebracht wurde. Solche Organe waren insbesondere der Darmkanal mit seinen Drüsen und die Genitalien, besonders beim weiblichen Geschlecht. Man unterschied dementsprechend zwischen gastrischem und hysterischem Zahnschmerz sowie dem oft mit der Schwangerschaft verbundenen Zahnschmerz. Auch Neuralgie des Trigeminus konnte sich durch nervöse Zahnschmerzen bemerkbar machen.


Fazit

Die Geschichte der Zahnschmerzbehandlung im 19. Jahrhundert zeigt eine Welt voller Gefahren und Notlösungen. Von hochgiftigen Substanzen wie Arsenik über brutale Methoden wie die glühende Nadel bis hin zu hochriskanten Pillenkombinationen aus Opium und Belladonna – die Verzweiflung der Patienten kannte kaum Grenzen.

Erst die Entdeckung der Lachgas-Narkose 1867 markierte einen Wendepunkt: Endlich konnten Zahnextraktionen ohne unerträgliche Schmerzen durchgeführt werden. Die Entwicklung der modernen Anästhesie sollte das Martyrium der Patienten für immer beenden.


Verwendete Quellen:

  • Brockhaus (1885-1898)
  • Meyers Lexikon (1885-1898)