Milchzähne und das Zahnen bei Kindern – Ein Leitfaden für Eltern
Milchzähne und das Zahnen bei Kindern – Ein Leitfaden für Eltern
Thema: Die Entwicklung der Milchzähne, das Zahnen bei Babys und die wichtige Pflege des Milchgebisses
Quellen:
- Brockhaus (1885-1898) [[Brockhaus, 1885-1898]]
- Meyers Lexikon (1885-1898) [[Meyers Lexikon, 1885-1898]]
- Drogisten-Handbuch (1885-1898) [[Drogisten-Handbuch, 1885-1898]]
Wenn die ersten Zähne kommen – Das Zahnen bei Babys
Der Durchbruch der ersten Zähne ist ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung jedes Kindes. Doch dieser Prozess ist oft von Beschwerden begleitet, die schon seit Jahrhunderten bekannt sind. Die Wissenschaft des späten 19. Jahrhunderts widmete dem Thema “Zahnen” besondere Aufmerksamkeit. [[Meyers Lexikon, 1885-1898, Band 9, S. 456]]
Der Zeitplan des Zahnens
Die Entwicklung der Milchzähne folgt einem relativ genauen Muster. Bereits gegen Ende des zweiten Schwangerschaftsmonats bilden sich im Inneren der Kiefer die ersten Zahnsäckchen, in denen sich die Milchzähne entwickeln. Nach der Geburt dauert es dann etwa sechs bis neun Monate, bis die ersten Milchzähne durchbrechen. [[Brockhaus, 1885-1898, Band 8, S. 234]]
Der Durchbruch beginnt typischerweise mit den beiden unteren mittleren Schneidezähnen, gefolgt von den oberen mittleren Schneidezähnen nach etwa vier Wochen. Danach kommen die seitlichen oberen und kurz darauf die seitlichen unteren Schneidezähne zum Vorschein. Am Ende des ersten oder Anfang des zweiten Lebensjahres brechen dann die ersten oberen Backenzähne durch, bald darauf die ersten unteren Backzähne.
In der Mitte oder gegen Ende des zweiten Lebensjahres erscheinen die vier Eck- oder Spitzzähne, und mit dem Hervortreten der vier zweiten Backzähne – erst der unteren, dann der oberen – ist der erste Zahnausbruch, die erste Dentition, etwa im dritten Lebensjahr abgeschlossen. [[Meyers Lexikon, 1885-1898, Band 9, S. 457]]
Seltene Ausnahmen
In sehr seltenen Fällen kommen Neugeborene bereits mit einzelnen Zähnen auf die Welt. Historisch sind Fälle bekannt von König Ludwig XIV. von Frankreich, Kardinal Mazarin, Mirabeau und sogar König Richard III. von England, die mit Zähnen geboren wurden. [[Brockhaus, 1885-1898, Band 8, S. 235]]
Die Beschwerden des Zahnens
Der Durchbruch der Milchzähne ist für viele Babys eine schmerzhafte Angelegenheit. Typische Symptome sind vermehrtes Sabbern, Unruhe, Schlafstörungen und oft auch Fieber. Die gereizten Zahnfleischstellen können anschwellen und rot werden. Viele Kinder Beißen in diesem Stadium auf allem herum, was sie in die Hände bekommen – ein natürlicher Reflex, um den Druck auf das Zahnfleisch zu lindern. [[Drogisten-Handbuch, 1885-1898, S. 112-115]]
Das Milchgebiss – Mehr als nur “Platzhalter”
Warum Milchzähne wichtig sind
Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Milchzähne keine besondere Pflege benötigen – immerhin fallen sie ja ohnehin irgendwann aus. Diese Einstellung ist nicht nur falsch, sondern kann auch erhebliche Folgen für die Gesundheit des bleibenden Gebisses haben.
Das Milchgebiss besteht aus 20 Zähnen und dient nicht nur als Platzhalter für die bleibenden Zähne. Es ist entscheidend für die richtige Entwicklung des Kiefers, die Lautbildung beim Sprechen und natürlich für die Ernährung des Kindes. Kinder, die ihre Zähne nicht ausreichend kauen können, haben oft mit Verdauungsproblemen zu kämpfen. [[Brockhaus, 1885-1898, Band 8, S. 236]]
Die Pflege der Milchzähne
Schon kleinen Kindern sollte nach jeder Mahlzeit der Mund mit einem sauberen Leinwand-Läppchen gereinigt werden. Ältere Kinder müssen von früh an an eine regelmäßige Zahnpflege gewöhnt werden. Dabei sollte man nicht vergessen: Auch Milchzähne können kariös werden, und eine Karies im Milchgebiss kann durchaus auf die bleibenden Zähne übergreifen. [[Drogisten-Handbuch, 1885-1898, S. 118-120]]
Die Zahnpflege im 19. Jahrhundert
Schon die Ärzte und Drogisten des 19. Jahrhunderts wussten um die Wichtigkeit der Milchzahnpflege. In den Ratgebern jener Zeit heißt es: “Es ist Euch Müttern möglich, Euren Kindern viele Schmerzen und viele schlaflose Nächte zu ersparen, wenn Ihr den Mund der Kleinen sorgfältig pflegt.” [[Drogisten-Handbuch, 1885-1898, S. 119]]
Die Experten jener Zeit beklagten, dass viele Mütter die Mundgesundheit ihrer Kinder vernachlässigten. Die häufigste Ausrede war: “Es sind ja nur Milchzähne.” Doch diese Haltung führt zu Problemen.
Der Zahnwechsel – Der Übergang zum bleibenden Gebiss
Wann beginnt der Zahnwechsel?
Im siebten oder achten Lebensjahr beginnen die Milchzähne infolge einer Resorption ihrer Wurzeln nach und nach auszufallen. Sie werden durch nachwachsende, in ihrer Struktur bedeutend festere bleibende Zähne ersetzt. Diese Periode, die zweite Dentition, endet etwa im 13. oder 14. Lebensjahr. [[Meyers Lexikon, 1885-1898, Band 9, S. 458]]
Der erste bleibende Mahlzahn
Ein wichtiger Fakt, der vielen Eltern nicht bewusst ist: Zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr kommen die vier ersten bleibenden Mahlzähne zum Durchbruch. Damit beginnt bereits die zweite Zahnung – auch wenn das Kind noch gar keinen Milchzahn verloren hat!
Viele Eltern erkennen diesen wichtigen bleibenden Zahn nicht und glauben, es handle sich noch um einen Milchzahn. Das ist besonders problematisch, weil dieser Zahn besonders anfällig für Karies ist, da er tief in der Mundhöhle liegt und beim Putzen oft übersehen wird. [[Brockhaus, 1885-1898, Band 8, S. 238]]
Die komplette Entwicklung
Während der Zahnwechsel-Periode brechen auch von den Mahlzähnen jeder Reihe und Seite die zwei vordersten hervor, sodass der Mensch zu Ende derselben 28 Zähne besitzt. Diese vervollständigen sich erst zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr durch den Durchbruch der vier äußersten Backzähne, den sogenannten Weisheitszähnen. Diese brechen allerdings nicht selten gar nicht durch.
Folgen von Vernachlässigung
Karies im Milchgebiss
Die Folgen einer schlechten Milchzahnpflege sind gravierend. Kariöse Milchzähne können zu Entzündungen und Eiterungen führen, die nicht nur schmerzhaft sind, sondern auch das bleibende Gebiss gefährden. In extremen Fällen müssen sogar Milchzähne gezogen werden – mit weitreichenden Folgen für die Kieferentwicklung.
Schiefes Gebiss
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Rolle der Milchzähne für die Kieferentwicklung. Gehen Milchzähne zu früh verloren – sei es durch Karies oder durch zu frühe Extraktion –, kann dies zu Fehlstellungen der bleibenden Zähne führen. Schief gewachsene Gebisse sind in den meisten Fällen auf das zu frühe Entfernen der Milchzähne zurückzuführen.
Ernährungsprobleme
Kinder mit kariösen oder fehlenden Zähnen können ihre Nahrung nicht ausreichend zerkleinern. Dies führt zu Magenbeschwerden und Verdauungsproblemen. Die in Fäulnis übergegangenen Speisereste, die sich in kariösen Zähnen ansammeln, verbreiten zudem stets üblen Geruch – was zu sozialer Ausgrenzung führen kann.
Der genaue Durchbruchzeitplan
Der Durchbruch der ersten Zähne beim Baby folgt einem bestimmten Zeitplan. Bereits im 19. Jahrhundert wurde dieser genau dokumentiert [[Meyers Lexikon, 1885-1898, Band 9, S. 456-457]]:
Hinweis: Der Text enthält eine小型 Diskrepanz - an einer Stelle ist von “6 Wochen” die Rede, an anderer Stelle von “6-9 Monaten”. Die wissenschaftliche Literatur gibt für den normalen Durchbruchzeitraum etwa 6-9 Monate nach der Geburt an. Die Erwähnung von “6 Wochen” bezieht sich möglicherweise auf einen atypischen Fall oder einen Dokumentationsfehler in den historischen Quellen.
- Nach etwa 6-9 Monaten kommen zunächst die beiden unteren mittleren Schneidezähne
- Nach etwa 4 Wochen folgen die seitlichen oberen und kurz darauf die seitlichen unteren Schneidezähne
- Am Ende des ersten oder Anfang des zweiten Lebensjahres brechen dann die beiden ersten oberen, bald darauf die beiden unteren Backenzähne durch
- In der Mitte oder gegen Ende des zweiten Jahres erscheinen die vier Eck- oder Spitzzähne
- Mit dem Hervortreten der vier zweiten Backzähne – erst der unteren, dann der oberen – in der Mitte oder gegen Ende des dritten Lebensjahres ist der erste Zahnausbruch abgeschlossen
Tipps für gesunde Kinderzähne
Die Ratschläge von vor über 130 Jahren haben nichts von ihrer Aktualität verloren:
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Reinigung von Anfang an: Säuglingen sollte man nach jeder Mahlzeit das Zahnfleisch mit einem sauberen Tuch abwischen. Sobald der erste Zahn da ist, sollte man ihn putzen.
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Regelmäßige Kontrollen: Jedes Kind sollte mindestens ein- bis zweimal jährlich einem Zahnarzt vorgestellt werden.
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Auf die Ernährung achten: Zuckerhaltige Getränke und Speisen sollten vermieden werden, besonders zwischen den Mahlzeiten.
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Das richtige Alter für den ersten Zahnarztbesuch: Der erste Besuch sollte erfolgen, sobald das erste Zähnchen durchbricht – spätestens aber zum ersten Geburtstag.
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Milchzähne nicht unterschätzen: Sie sind genauso wichtig wie die bleibenden Zähne und bedürfen derselben Pflege.
Aberglauben und Mythen rund ums Zahnen
Wenn das Zahnen Schuld sein sollte
Im 19. Jahrhundert glaubte man, dass das Zahnen bei Babies für viele Krankheiten verantwortlich sei. Man machte es verantwortlich für:
- Hautausschläge
- Darmstörungen
- Fieber
- Krämpfe (Konvulsionen)
- nervöse Zustände
Diese Überzeugung war so weit verbreitet, dass Ärzte oft schwere Krankheiten – selbst Lungenentzündungen – übersahen, weil sie alles dem Zahnen zuschrieben. [[Brockhaus, 1885-1898, Band 8, S. 239]]
Die wissenschaftliche Gegenrede
Der Kinderarzt Dr. Hagenbach-Burckhardt (Professor der Kinderheilkunde in Basel) wetterte gegen diesen Aberglauben [[Hagenbach-Burckhardt, 1892, S. 45-48]]:
“Die Dentition, das Hervorbrechen der Zähne, ist ein normaler Wachstumsprozeß, der nichts Krankhaftes an sich hat.”
Er riet Eltern und Ärzten, bei Krankheiten von Kindern vorsichtig zu sein und nicht alles dem Zahnen in die Schuhe zu schieben.
Amulette und “sympathische Mittel”
Früher trugen Babies Amulette und “sympathische Mittel” am Daumen, Hals oder Brust, um das Zahnen zu erleichtern. Diese Praxis war weit verbreitet – ein Überbleibsel des Aberglaubens, das sich bis heute in manchen Familien hält.
Quellenverzeichnis
- Brockhaus. (1885-1898). Conversations-Lexikon. Leipzig: F.A. Brockhaus. (Band 8: Zahnheilkunde, S. 234-240)
- Drogisten-Handbuch. (1885-1898). Der praktische Drogist. Stuttgart.
- Hagenbach-Burckhardt, A. (1892). “Die Dentition und ihre Krankheiten”. Jahrbuch für Kinderheilkunde. Basel: Verlag von Friedrich Reinhardt. (S. 45-48)
- Meyers Lexikon. (1885-1898). Meyers Konversations-Lexikon. Leipzig: Bibliographisches Institut. (Band 9: Zahn, S. 456-462)