Zahnersatz historisch – Von Elfenbein zu Porzellan
Zahnersatz historisch – Von Elfenbein zu Porzellan
Thema: Die Geschichte des künstlichen Zahnersatzes von der Antike bis ins 19. Jahrhundert
Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)
Die Anfänge des Zahnersatzes
Die Geschichte des künstlichen Zahnersatzes reicht bis in das hohe Altertum hinauf. Schon die alten Ägypter, Assyrer und Perser verstanden es, nicht bloß hohle Zähne mit Gold oder künstlichem Schmelz auszufüllen, sondern auch künstliche Zähne einzusetzen. Bei den Römern war die Technik des Zahnersatzes bereits zu einem verhältnismäßig hohen Entwicklungsstand gelangt.
Die Bedeutung eines vollständigen Gebisses wurde schon früh erkannt: Ein mangelhaftes Gebiss wirkt sich durch die ungenügende Zerkleinerung der Speisen auf den gesamten Verdauungsprozess aus – und nicht minder auf die Artikulation und Tonbildung beim Sprechen und Singen.
Die Materialien im Wandel der Zeit
Nilpferdzähne und Menschenzähne
Als Material für künstliche Zähne verwendete man früher hauptsächlich Zähne vom Nilpferd. Später kamen auch Menschenzähne zum Einsatz – entweder von Toten oder sogar von armen Menschen, die ihre Zähne verkauften. Doch beide Materialien hatten einen entscheidenden Nachteil: Sie wurden ebenso leicht von der Zahnkaries befallen wie die natürlichen Zähne.
Der Durchbruch: Mineral- und Emailzähne
Im späten 19. Jahrhundert vollzog sich dann der entscheidende Wendepunkt: Man begann, ausschließlich künstliche Email- oder Mineralzähne zu verwenden. Diese wurden im großen Maßstab fabrikmäßig aus Kieselerde, Feldspat und Porzellanthon hergestellt – ähnlich wie Porzellan. Anschließend wurden sie mit einer beliebig gefärbten Glasur aus derselben Masse überzogen, was ihnen ein natürliches Aussehen verlieh.
Die Befestigungsmethoden
Der künstliche Zahnersatz konnte auf verschiedene Weise im Mund befestigt werden:
Der Stiftzahn – die einfachste Methode
Die einfachste Art der Befestigung ist der sogenannte Stiftzahn. Dabei wird der künstliche Zahn mittels eines Stiftes aus Platin, Gold oder Hickoryholz in eine noch vorhandene, gesunde Zahnwurzel eingesetzt. Voraussetzung ist, dass die Wurzel noch vollständig gesund und entsprechend vorbereitet ist. Bei exakter Ausführung kann ein solcher Stiftzahn jahrelang sitzen und die Stelle des natürlichen Zahns vollkommen ersetzen.
Allerdings eignen sich für den Stiftzahn nur die sechs oberen Vorderzähne und die unteren kleinen Backenzähne gut zur Befestigung. Die Wurzel muss gesund sein oder präpariert werden; man feilt sie bis unter den Zahnfleischrand ab, erweitert den Nervenkanal und befestigt darin den künstlichen Zahn mit seinem Stift.
Gaumenplatten und Klammern
Wo gesunde Wurzeln nicht vorhanden sind oder wo mehrere Zähne fehlen, befestigt man die künstlichen Zähne entweder mittels goldener Klammern an den benachbarten natürlichen Zähnen, oder mittels sorgfältig hergestellter Gaumenplatten. Diese Platten wurden aus Gold, Aluminium oder vulkanisiertem Kautschuk gefertigt. Sie schlossen sich dem Gaumen so genau an, dass sie durch Ansaugen und Adhäsion festgehalten wurden.
Die Platten für die künstlichen Zähne werden am besten aus Gold oder aus Aluminium gefertigt – weniger vorteilhaft ist vulkanisierter Kautschuk, der zwar verwendet wurde, aber nicht die gleiche Qualität bot.
Ganze Gebisse und Saugplatten
Ganze Gebisse wurden ebenfalls an Saugplatten befestigt. Zu ihrer weiteren Fixierung dienten häufig auch Spiralfedern, die zwischen den Zahnreihen und Wangen liegen und diese gegen den Ober- und Unterkiefer drücken.
Die Vorbereitung vor dem Einsetzen
Bevor künstliche Zähne eingesetzt werden konnten, mussten einige wichtige Schritte beachtet werden:
- Alle schlechten Zahnwurzeln wurden entfernt
- Die verbleibenden Zähne wurden bis auf das Zahnfleisch glatt abgefeilt
- Die noch vorhandenen Zähne wurden sorgfältig gereinigt und wenn nötig plombiert
- Von dem so vorbereiteten Mund wurde ein genauer Abdruck genommen – mit Gips, Wachs oder Guttapercha
- Besonders wichtig: Waren keine gesunden Wurzeln vorhanden, musste man auch künstliches Zahnfleisch anbringen, um dem Gebiss ein natürliches Aussehen zu verleihen
War es nötig, mehrere Wurzeln zu ziehen, so ließ man vor der Anfertigung des definitiven Ersatzstücks mehrere Monate vergehen, damit der Kiefer vorher ordnungsgemäß vernarben konnte. In dieser Zeit trug man ein Interimsstück.
Bei Vernachlässigung dieser Regel konnte es sehr leicht passieren, dass das angefertigte Ersatzstück schon nach wenigen Monaten nicht mehr passte und seinen Zweck nur sehr mangelhaft erfüllte.
Die Pflege des Zahnersatzes
Tägliche Reinigung ist Pflicht
Alle künstlichen Zähne – mit Ausnahme der sogenannten Stiftzähne – mussten täglich mindestens zweimal aus dem Mund entfernt und sorgfältig mit der Bürste gereinigt werden.
Nachts herausnehmen
Während der Nacht waren künstliche Gebissstücke aus dem Mund zu nehmen, in kaltes Wasser zu legen und am Morgen vor dem Einführen mit Bürste, Seife und Wasser gründlich zu säubern.
Eine wichtige Warnung
Die Gewohnheit, künstliche Zähne und Gebisse auch nachts im Mund zu behalten, hat schon öfters dazu geführt, dass sich während des Schlafs ein solches Gebiss löste, in den Rachen und die Speiseröhre geriet und dadurch schwere, selbst lebensbedrohliche Zustände hervorrief.
Technischer Fortschritt im 19. Jahrhundert
Mit der Industrialisierung kam auch der Fortschritt in der Zahnersatztechnologie. Die Fabrikation von Mineralzähnen wurde zu einem bedeutenden Gewerbe. Durch die maschinelle Produktion wurden künstliche Zähne erschwinglicher und qualitativ gleichmäßiger.
Die Entwicklung neuer Materialien wie vulkanisierter Kautschuk ermöglichte flexiblere und bequemere Prothesen. Auch die Technik der Abdrucknahme wurde verfeinert, was zu besser passendem Zahnersatz führte.
Fazit
Der Zahnersatz hat eine lange und faszinierende Geschichte. Von den primitiven Versuchen der alten Ägypter bis zu den hochentwickelten Porzellanzähnen des 19. Jahrhunderts war es ein weiter Weg. Die wichtigste Erkenntnis jener Zeit – die Notwendigkeit einer sorgfältigen Mundvorbereitung und täglichen Pflege des Zahnersatzes – gilt noch heute.
Verwendete Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)