Zahnstocher und historische Zahnpflege-Hilfsmittel

Zahnstocher und historische Zahnpflege-Hilfsmittel

Thema: Die Geschichte des Zahnstochers und anderer Utensilien zur Zahnpflege – von Afrika bis Europa

Quellen:

  • Brockhaus (1885-1898)
  • Meyers Lexikon (1885-1898)
  • Drogisten-Handbuch (1885-1898)
  • Kochschule (1885-1898)

Der Zahnstocher – Ein alter Begleiter der Menschheit

Die Anfänge

Die Verwendung von Zahnstochern zur Reinigung der Zähne ist uralt. Schon die Menschen der Antike erkannten die Notwendigkeit, die Zahnzwischenräume von Speiseresten zu befreien. Doch erst im 19. Jahrhundert wurde der Zahnstocher zu einem weit verbreiteten Alltagsgegenstand.

Exotische Zahnstocher aus Afrika und dem Orient

Eine besonders interessante Quelle für Zahnstocher im 19. Jahrhundert war die Pflanze Ammi Visnaga (auch bekannt als Visnaga oder Khella). Diese Pflanze aus der Familie der Doldengewächse wächst in Südeuropa, Ägypten und im Orient.

Die gelben, gewürzhaft riechenden Strahlen der Ammi-Visnaga-Dolden wurden zu Zahnstochern verarbeitet und aus Afrika und dem Orient nach Marseille importiert. Diese exotischen Zahnstocher waren begehrte Handelsgüter und fanden ihren Weg in die europäischen Haushalte.

Zahnstocher aus dem Tierreich

Auch aus dem Tierreich stammten historische Zahnstocher. Die Stacheln des Stachelschweins wurden zu Zahnstochern, Pinsel- und Stahlfederstielen verarbeitet. Diese robusten, natürlichen Zahnstocher waren besonders beliebt wegen ihrer Festigkeit und Langlebigkeit.

Holz als klassisches Material

Die klassischen Zahnstocher wurden aus Holz gefertigt. Verschiedene Holzarten eigneten sich dafür, insbesondere solche mit feiner Maserung und geringer Splitterbildung. Das Holz wurde in dünne, spitz zulaufende Stäbchen geschnitzt – die Form, die wir heute noch als klassischen Zahnstocher kennen.


Die richtige Anwendung

Elastische Zahnstocher

Die Experten des 19. Jahrhunderts betonten die Wichtigkeit der regelmäßigen Verwendung von Zahnstochern. Man sollte nie versäumen, die Zwischenräume der Zähne nach jeder Mahlzeit mit einem elastischen Zahnstocher zu reinigen.

Denn gerade die sich dort vielfach festsetzenden Speisereste sind die Ursache für das Anlaufen der Zähne und oft auch für einen übelriechenden Atem. Die Reinigung der Zahnzwischenräume war also schon damals als wesentlicher Teil der Mundhygiene anerkannt.


Tischmanieren und der Zahnstocher

Ein heikles Thema

Die Verwendung des Zahnstochers bei Tisch war ein delikates Thema. In den guten Ton-Regeln des 19. Jahrhunderts hieß es: “Des Zahnstochers sich nur hinter der Handfläche, besser gar nicht bei Tische bedienen.”

Dies bedeutete: Wollte man denn Zahnstocher benutzen, sollte man dies diskret tun – am besten nur hinter vorgehaltener Hand und keinesfalls offensichtlich während der Mahlzeit. Viele Etikette-Ratgeber rieten sogar ganz davon ab, den Zahnstocher bei Tisch zu verwenden.

Der kulturelle Kontext

Diese Zurückhaltung hatte kulturelle Gründe. Die Verwendung eines Zahnstochers galt als unhöflich, weil sie die Aufmerksamkeit auf körperliche Funktionen lenkte, die man otherwise verbarg. Man sollte solche Verrichtungen diskret und am besten außerhalb der Mahlzeiten erledigen.


Weitere historische Zahnpflege-Hilfsmittel

Zahnbürsten

Die Zahnbürste war bereits im 19. Jahrhundert ein wichtiges Hilfsmittel. Experten empfahlen, nicht zu weiche Bürsten zu verwenden, da diese nicht gründlich genug reinigten. Das kräftige Reiben mit der Bürste – das sogenannte Frottieren – sollte das Zahnfleisch stärken, indem es den Blutumlauf beschleunigte.

Zahnseide und Zwischenraumbürsten

Für die Reinigung der besonders engen Zwischenräume gab es spezielle Hilfsmittel. Neben elastischen Zahnstochern kamen auch fadenartige Utensilien zum Einsatz, die ähnlich der heutigen Zahnseife waren.

Mundwässer und Tinkturen

Zur Desinfektion der Mundhöhle wurden verschiedene Mundwässer und Tinkturen verwendet. Diese sollten schädliche Bakterien abtöten und den Atem frisch halten.


Was die Wissenschaft empfahl

Die Grundregeln der Zahnpflege

Die Mediziner des 19. Jahrhunderts fassten die wichtigsten Grundsätze der Zahnpflege zusammen:

  1. Mechanische Reinigung: Die Zähne sollten regelmäßig mit Zahnbürste und Zahnpulver gereinigt werden
  2. Zwischenräume nicht vergessen: Nach jeder Mahlzeit die Zahnzwischenräume mit Zahnstochern reinigen
  3. Sanfte Mittel verwenden: Zu scharfe Pulver wie Bimsstein oder Kohle griffen den Zahnschmelz an
  4. Regelmäßige Kontrolle: Kranke Zähne sollten möglichst früh in zahnärztliche Behandlung gegeben werden

Vorbeugung war wichtig

Besonders betont wurde, dass Vorbeugung besser als Behandlung war. Die tägliche, gründliche Reinigung der Zähne und der Mundhöhle war der beste Schutz gegen Karies und Zahnfleischerkrankungen.


Die kulturelle Bedeutung

Ein global Phänomen

Die Verwendung von Zahnstochern und anderen Hilfsmitteln zur Zahnreinigung war kein rein europäisches Phänomen. Verschiedene Kulturen auf der ganzen Welt entwickelten ihre eigenen Methoden:

  • In Afrika und Asien nutzten die Menschen seit jeher natürliche Materialien wie Zweige, Gräser und Wurzeln
  • Die Römer verwendeten bereits Zahnstocher aus verschiedenen Materialien
  • In Asien war das Kauen von Zweigen mit reinigenden Eigenschaften (wie der Neem-Zweig) verbreitet

Handel und Globalisierung

Der internationale Handel brachte verschiedene Materialien und Techniken zusammen. Die Einfuhr von Ammi-Visnaga-Zahnstochern aus Afrika und dem Orient nach Marseille zeigt, wie global der Handel mit Zahnpflege-Utensilien bereits im 19. Jahrhundert war.

Der Zahnstocher als Mordwaffe

Eine ungewöhnliche und düstere Geschichte findet sich in Meyers Lexikon: Ein Mord mit einem Zahnstocher! Die Quelle berichtet von einem Fall, bei dem ein “langsam wirkendes Gift” durch einen hölzernen Zahnstocher verabreicht wurde – der Zahnstocher als perfide Mordwaffe. Selbst das harmloseste Werkzeug konnte also missbraucht werden!


Fazit

Der Zahnstocher ist ein uraltes Hilfsmittel der Mundhygiene, das bis heute nichts von seiner Relevanz verloren hat. Was sich geändert hat, sind die Materialien und die kulturelle Einordnung: Wo der Zahnstocher im 19. Jahrhundert bei Tisch als unhöflich galt, ist er heute ein selbstverständlicher Teil der täglichen Mundpflege.

Die Geschichte des Zahnstochers zeigt, dass die Menschen schon früh erkannten, dass die Zahnpflege mehr umfasst als nur das Putzen der Zähne – die Reinigung der Zwischenräume ist ebenso wichtig.


Verwendete Quellen:

  • Brockhaus (1885-1898)
  • Meyers Lexikon (1885-1898)
  • Drogisten-Handbuch (1885-1898)
  • Kochschule (1885-1898)