Das Gebiss der Säugetiere und des Menschen – Eine vergleichende Betrachtung
Das Gebiss der Säugetiere und des Menschen – Eine vergleichende Betrachtung
Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)
Das Gebiss der Säugetiere – Arbeitsteilung im Mund
Das Gebiss der Säugetiere zeigt die am weitesten entwickelte Arbeitsteilung im Tierreich. Die Zähne sind nicht mehr gleichförmig, sondern spezialisiert für verschiedene Aufgaben.
Homodont oder Heterodont
Die Gebisse der Säugetiere unterscheiden sich grundlegend:
- Homodont: Alle Zähne sind gleich gebaut – zu finden bei Delphinen und einigen Walen
- Heterodont: Die Zähne sind aufgrund von Arbeitsteilung verschieden – wie beim Menschen
Die vier Zahntypen
Bei Säugetieren lassen sich allgemein vier verschiedene Zahntypen unterscheiden:
- Schneidezähne (Dentes incisivi): Vorne im Kiefer gelegen, zum Abbeißen
- Eckzähne (Dentes canini): Spitz, zum Festhalten und Zerreißen
- Backenzähne (Dentes praemolares): Zum Zermalmen
- Mahlzähne (Dentes molares): Die hintersten Zähne, für die feine Zerkleinerung
Zahnwechsel
Auch beim Zahnwechsel gibt es große Unterschiede:
- Diphyodont: Die Zähne werden gewechselt – bei den meisten Säugetieren
- Monophyodont: Die Zähne werden nicht gewechselt – bei Nagetieren
Die Zahnformel – Mathematik im Mund
Was ist eine Zahnformel?
Die Zahlen, in denen die einzelnen Zahnarten im Gebiss der Säugetiere auftreten, werden von einer Seite, von innen nach außen zählend, oben und unten übereinander gestellt aneinandergereiht. So erhält man die für die systematische Zoologie sehr wichtigen Zahnformeln.
Die typische Säugetier-Zahnformel
Eine typische Zahnformel für Säugetiere lautet:
i 3 c 1 p 4 m 3 / i 3 c 1 p 4 m 3
Das bedeutet: Es finden sich oben und unten jeweils drei Schneidezähne (i), ein Eckzahn (c), vier vordere (p) und drei hintere (m) Backenzähne – also in jeder Kieferhälfte 11, zusammen 44 Zähne.
Nur wenige lebende Säugetiere besitzen diese vollständige Zahnformel. Das Pferd hat sie, und sie war häufiger bei den fossilen Hufentieren anzutreffen.
Die menschliche Zahnformel
Für Mensch und Affen gilt folgende Zahnformel:
i 2 c 1 p 2 m 3 / i 2 c 1 p 2 m 3
Das bedeutet: Oben und unten jeweils zwei Schneidezähne, ein Eckzahn, zwei Backenzähne und drei Mahlzähne pro Seite – insgesamt 32 Zähne beim erwachsenen Menschen.
Weitere Beispiele
- Hund: Die Zahnformel lautet 3 1 7 – also 12 Schneidezähne, 4 Eckzähne und 28 Backenzähne, insgesamt 44 Zähne
Die Evolution des Säugetiergebisses
Die Entwicklung der Backenzähne
Die Backenzähne der Säugetiere zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt:
- Breite Kronen mit Höckern: Beim Menschen, bei Affen, Insektenfressern und Fledermäusen
- Abgeflacht mit Falten: Die schmelzgefalteten Zähne der Wiederkäuer und Pferde
- Blätterig: Die Elefantenbackenzähne bestehen aus einer Reihe durch Cement verkitteter, mit Schmelz überzogener Platten
Besondere Anpassungen
-
Nagetiere: Die Schneidezähne sind meißelförmig, stark gekrümmt und oft von einer eigentümlichen braunen Farbe. Sie werden nicht gewechselt, sondern wachsen von unten in dem Maße nach, wie sie oben abgeschliffen werden.
-
Elefanten: Die Stoßzähne stehen im Zwischenkiefer – es sind umgebildete Schneidezähne. Die Backenzähne sind blätterig aufgebaut.
-
Walross: Die Stoßzähne sind enorm vergrößert.
-
Narwal: Der charakteristische Stoßzahn ist ein umgebildeter Schneidezahn, der meist asymmetrisch (meist rechts) auftritt.
Das Gebiss nach Ernährungstyp
Die unterschiedlichen Ernährungsweisen der Säugetiere spiegeln sich deutlich in ihrem Gebiss wider.
Die Fleischfresser
Das typische Raubtiergebiss ist ein wahres Meisterwerk der Jagd. Es besitzt sechs Schneidezähne im Ober- und Unterkiefer sowie zu deren Seiten je einen stark vorspringenden, langen, konischen Eckzahn. Bei den Backenzähnen folgen auf die sogenannten Lückenzähne – dem Zahn im einen Kiefer entspricht eine Lücke im anderen – ein scharfer und großer Reißzahn, und erst dann kommen die zum Kauen dienenden, stumpfhöckerigen Mahlzähne.
Je blutgieriger das Raubtier ist, desto kräftiger wird der Reißzahn, und desto mehr treten die Mahlzähne zurück. Die weniger auf reine Fleischnahrung spezialisierten Arten hingegen haben besser ausgebildete Mahlzähne. Der Darm der Fleischfresser ist kurz – anders ist dies bei den Pflanzenfressern.
Die Pflanzenfresser
Pflanzenfresser haben eine völlig andere Anatomie. Der Darm ist bei ihnen ungemein lang und erreicht beispielsweise beim Schaf fast die 30fache Länge des Körpers. Auch der Blinddarm ist lang und geräumig, um die Cellulose-Verdauung zu ermöglichen.
Die Backenzähne der Pflanzenfresser sind kompliziert gebaut: Entweder mit breiten Kronen und Höckern oder abgeflacht mit Falten. Die schmelzgefalteten Zähne der Wiederkäuer und Pferde sind besonders effizient für das Zermalmen pflanzlicher Nahrung. Die Schneidezähne sind oft gut entwickelt, die Eckzähne hingegen manchmal reduziert oder fehlend.
Die Allesfresser
Viele Säugetiere ernähren sich von sowohl pflanzlicher als auch tierischer Nahrung. Das zeigt sich auch in ihrem Gebiss. Die Bären sind ein gutes Beispiel: Ihr Gebiss zeichnet sich durch große, zuweilen lappig eingekerbte Schneidezähne, dicke, kurzkronige, aber langbewurzelte Eckzähne, kleine, oft ausfallende Lückenzähne, einen schwachen Reißzahn und stumpfe, höckerige Backenzähne aus. Mit Ausnahme der Eisbären sind alle Bärenarten mehr oder weniger pflanzenfressend – der Braunbär frisst in seiner Jugend Vegetabilien, im Erwachsenenalter in Fleisch, und hat stets eine Vorliebe für Honig.
Lücken im Gebiss
Bei den meisten Säugetieren ist die Reihe des Gebisses nicht vollständig geschlossen – es finden sich kleinere und größere Lücken zwischen den Zähnen.
Der Mensch und sein Gebiss
Die Besonderheiten des menschlichen Gebisses
Das menschliche Gebiss ist ein typisches Säugetiergebiss mit 32 Zähnen. Die Zahnformel des Menschen lautet:
i 2 c 1 p 2 m 3 / i 2 c 1 p 2 m 3
Dabei unterscheidet man:
- 8 Schneidezähne
- 4 Eckzähne
- 8 Backenzähne
- 12 Mahlzähne (einschließlich der Weisheitszähne)
Zahnwechsel
Bei fast allen Säugetieren findet ein Zahnwechsel statt. Beim Menschen wechseln wir vom Milchgebiss (20 Zähne) zum bleibenden Gebiss (32 Zähne). Bei den Seehunden und Verwandten findet dieser Wechsel oft bereits im Mutterleib statt.
Zahnlose Säugetiere
Völlig zahnlos sind:
- Schuppentiere
- Ameisenfresser
- Bartenwale
- Die Monotremen (Kloakentiere)
Die Bartenwale haben als Embryonen Zahnsäckchen mit Zahnkeimen, die aber frühzeitig resorbiert werden.
Die Zahnarmen
Bei den Zahnarmen (Edentata) besteht das Gebiss, wenn sie eins besitzen, aus gleichförmigen Zähnen, die bloß Zahnbein und Cement, aber keinen Schmelz haben. Beim Erdferkel werden sie von mehreren vereinigten Zahnbeinprismen gebildet. Eine Gürteltierart hat bis 100 Zähnchen.
Fazit
Das Gebiss der Säugetiere zeigt eine faszinierende Vielfalt, die durch die verschiedenen Ernährungsweisen bedingt ist. Vom Nagetiergebiss mit seinen lebenslang wachsenden Schneidezähnen über die spezialisierten Raubtiergebisse bis hin zum menschlichen Gebiss mit seiner ausgewogenen Mischung – jedes Gebiss ist ein Meisterwerk der Evolution.
Die Wissenschaft der vergleichenden Gebisskunde (Odontographie) hilft uns nicht nur, die Evolution der Säugetiere zu verstehen, sondern gibt auch wichtige Einblicke in die Entwicklung und Funktion des menschlichen Gebisses.
Verwendete Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)