Zahnpflege weltweit – Andere Länder, andere Sitten
Zahnpflege weltweit – Andere Länder, andere Sitten
Thema: Ungewöhnliche Zahnpflege- und Dentaltraditionen aus verschiedenen Kulturen der Welt
Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)
Wenn Schönheit anders definiert wird
Die Vorstellung davon, was ein schönes Gebiss ausmacht, ist kulturell völlig unterschiedlich. Während in westlichen Gesellschaften gerade, weiße Zähne als Ideal gelten, betrachten viele andere Kulturen genau das als unattraktiv. Die Geschichte der Menschheit zeigt eine erstaunliche Vielfalt an Praktiken, die teilweise heute noch existieren.
Afrika: Zähne als Ausdruck von Schönheit und Identität
Die spitzen Zähne Westafrikas
In weiten Teilen Afrikas existierte eine Tradition, die für Europäer schwer verständlich ist: das Feilen der Zähne. Die Eingeborenen in Unterguinea und an der Goldküste feilen noch heute ihre Zähne spitz – manche sogar dreiteilig, sodass die Kiefer wie Sägen mit spitzen Zacken aussehen.
Diese Praxis wurde bereits bei ägyptischen Mumien beobachtet. Der deutsche Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach dokumentierte diese kulturelle Besonderheit und fand sie auch bei Mumien aus dem alten Ägypten.
Der Malaiische Archipel
Die gleiche Sitte findet man im Malaiischen Archipel. Auf der Insel Sumatra praktizieren die Reschang diese Tradition: Beide Geschlechter lassen sich auf dem Rücken liegend mit kleinen Schleifsteinen die Zähne spitz feilen. Die Frauen des Laponglandes feilen ihre Zähne sogar bis auf das Zahnfleisch weg.
Schwarz gefärbte Zähne
Auf der Insel Amboina geht man noch einen Schritt weiter: Hier wird nur die Spitze und der Zahnschmelz weggefeilt, damit das Gebiss leichter die künstliche schwarze Färbung annehmen kann. Diese schwarzen Zähne gelten dort als besonderer Schmuck des Antlitzes – ein Schönheitsideal, das westlicher Vorstellung völlig widerspricht.
Zähne ausschlagen
Noch drastischer ist die Praxis einiger Völker am oberen Nil: Sie schlagen sich vier – die Batoka weiter im Süden sogar zwei – Schneidezähne aus. Als Grund geben sie an, sie möchten nicht aussehen wie Hunde. Sie finden das Gebiss der Europäer hässlich und rufen bei ihrem Anblick: “Seht die großen Zähne!”
Mannbarkeitsriten und Trauerrituale
Die Zeremonie von Kordofan
Bei den Völkern in Kordofan geht das Ausschlagen oder Zurechtfeilen der Vorderzähne der Mannbarkeitserklärung voraus. Im Alter von 10 bis 12 Jahren werden die vier unteren Schneidezähne feierlich entfernt – ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden.
Hawaii: Trauer durch Zahnverlust
Auf den Sandwichinseln (Hawaii) drückt sich die Trauer über den Verlust eines nahen Verwandten durch den Verlust zweier Zähne aus. Der Verlust von Zähnen als Ausdruck von Trauer – eine kulturelle Praxis, die in westlichen Gesellschaften unvorstellbar wäre.
Südostasien: Zähne als Leinwand für Kunst
Die Durchbohrung
Die Dyak und andere hinterindische Stämme lassen sich die Vorderzähne durchbohren und tragen als Zierat Metallknöpfchen darin. Diese Praxis verwandelt das Gebiss in eine Art Leinwand für körperliche Kunst – ein Ausdruck von Schönheit und Status.
Europa: Die Entwicklung der modernen Zahnpflege
Ein Blick zurück
Während andere Kulturen ihre Zähne auf vielfältige Weise gestalteten, entwickelte Europa erst relativ spät eine systematische Zahnpflege. Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Zahnbürsten aus Tierborsten, Zahnpulver auf Kreidebasis und die ersten kommerziellen Mundwässer.
Der westliche Standard
Heute dominieren westliche Schönheitsideale: gerade, weiße Zähne. Die Zahnspange, das Bleaching und andere kosmetische Behandlungen sind Ausdruck dieses Standards. Doch die Geschichte zeigt: Dieses Ideal ist keineswegs universell.
Handel und Austausch
Exotische Zahnpflege-Materialien
Der internationale Handel brachte bereits im 19. Jahrhundert verschiedene Materialien und Techniken zusammen. Die Einfuhr von Ammi-Visnaga-Zahnstochern aus Afrika und dem Orient nach Marseille zeigt, wie global der Handel mit Zahnpflege-Utensilien bereits damals war.
Auch in Asien nutzten die Menschen seit jeher natürliche Materialien wie Zweige, Gräser und Wurzeln zur Zahnpflege. Der Neem-Zweig wird in vielen Teilen Indiens noch heute gekautt, um die Zähne zu reinigen.
Fazit
Die Geschichte der Zahnpflege und Dentaltraditionen zeigt uns, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Was in einer Kultur als schön gilt, kann in einer anderen als abstoßend empfunden werden. Die Vielfalt der Praktiken – von spitzen Zähnen in Afrika über schwarz gefärbte Zähne in Polynesien bis hin zur Durchbohrung in Südostasien – erinnert uns daran, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt.
Die westliche Zahnpflege mag technisch fortgeschritten sein, doch die Traditionen anderer Kulturen haben ihre eigene Weisheit und Ästhetik. Vielleicht können wir von diesen Praktiken lernen, dass es neben der medizinischen Notwendigkeit auch um kulturelle Identität geht.
Verwendete Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)