Reisezeiten: Wie lange dauerte eine Reise?
Eine kommentierte Sammlung historischer Reisezeiten – von den Quellen des 19. Jahrhunderts.
Das Prinzip: Die Tagereise
Die Hauptstützpunkte der staatlichen Post waren die an bedeutenderen Handels- und Verkehrsorten errichteten mansiones, welche zum Ausruhen und Verweilen der Reisenden während der Nacht dienten und meist je eine Tagereise voneinander entfernt waren, wie der Brockhaus im Artikel „Post” berichtet.
Im antiken Rom waren die Poststationen des cursus publicus etwa eine Tagesreise voneinander entfernt. Eine Tagereise entsprach etwa 25 bis 30 Kilometern zu Fuß oder 40 bis 50 Kilometern mit der Kutsche auf guter Straße.
Zu Wasser: Dampfschiffe und Segler
Die ersten Dampfer
Fultons Clermont erreichte 1807 eine Geschwindigkeit von 5 Knoten auf dem Hudson River. 1818 schaffte es die Savannah von Savannah nach Liverpool in 26 Tagen, davon 18 unter Dampf. 1838 begann die Ära der ersten regelmäßigen transatlantischen Dampfschifffahrt mit der Sirius und der Great Western von Bristol nach New York.
Der Wettlauf um Geschwindigkeit
Die Dampfschifffahrt entwickelte sich rasant. 1825 erreichten Schiffe etwa 9 Knoten, 1830 bereits 9,75 Knoten mit der Archimedes. Um 1840 waren 10 bis 11 Knoten üblich, 1850 schafften Schnelldampfer wie die Napoleon 12 bis 14 Knoten. Bis 1885 steigerten Dampfschiffe ihre Geschwindigkeit auf 12 bis 18 Knoten.
Die Segelroute nach Asien
Mit Segeln vor 1800 dauerte eine Reise von Europa nach Indien 90 bis 120 Tage. Der Dampfer um 1850 schaffte dieselbe Strecke in 40 bis 50 Tagen. Bombay nach Hongkong war um 1850 eine Reise von 26 bis 28 Tagen per Dampfer.
Die Schnellste Route nach Asien: Die Brindisi-Route
Italien besaß seit Errichtung des Königreichs ein einheitliches Postwesen. Eine erhebliche Einnahme bezog Italien durch den Transport der Überlandpost, welche über Brindisi befördert wurde und dort auf die Postdampfer nach Alexandria überging, wie der Brockhaus berichtet.
Von London nach Bombay auf dem schnellsten Weg ging es so: Die Strecke London nach Brindisi dauerte etwa 5 Tage per Eisenbahn und Dampfer, von Brindisi nach Alexandria 3 Tage per Dampfer, von Alexandria nach Suez auf dem Landweg 4 Tage mit Kamelen oder Postkutsche, und von Suez nach Bombay 12 bis 15 Tage per Dampfer. Insgesamt war London also in etwa 24 bis 27 Tagen per Überlandroute erreichbar.
Zu Lande: Postkutschen und Eisenbahnen
Postkutschen
Die Postkutsche im 18. und 19. Jahrhundert erreichte etwa 8 Kilometer pro Stunde im Durchschnitt. Zu Fuß schaffte man 25 bis 30 Kilometer am Tag, mit dem Pferd 40 bis 50 Kilometer.
Die Eisenbahn-Revolution
1825 fuhr die erste Eisenbahn von Stockton nach Darlington mit etwa 10 Kilometern pro Stunde. 1829 siegte Stephensons Rocket im Wettbewerb mit etwa 30 Kilometern pro Stunde. 1835 fuhr die erste deutsche Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth mit ähnlicher Geschwindigkeit. Um 1850 erreichten Eisenbahnen allgemein 35 bis 56 Kilometer pro Stunde. 1892 beförderten die deutschen Eisenbahnen 488 Millionen Passagiere mit durchschnittlich 3,01 Pfennig pro Kilometer.
Geschwindigkeitsvergleich um 1850
Im Vergleich der Verkehrsmittel lag die Eisenbahn mit 35 bis 56 Kilometern pro Stunde klar an der Spitze. Es folgten Dampfschiffe auf Flüssen mit 12 bis 15 Kilometern pro Stunde, Dampfschiffe auf See mit 8 bis 12 Kilometern, Segelschiffe mit 5 bis 8 Kilometern, Postkutschen mit 8 Kilometern, allgemeine Kutschen mit 10 bis 12 Kilometern, Reiter mit 12 bis 15 Kilometern, und Fußgänger schafften 4 bis 5 Kilometer pro Stunde.
Postbeförderung und Brieflaufzeiten
Die Entwicklung der Post
1790 gab es in den USA 75 Postämter. Bis 1892 wuchs diese Zahl auf 68.403 Postämter an. Vor der Begründung des Weltposts waren für den Verkehr Deutschlands mit dem Ausland 55 verschiedene Portosätze für Briefpostgegenstände in Geltung. Nach Gründung des Weltpostvereins 1874 konnte man jedoch durch einen Brief für 20 Pfennig nach den Wohnstätten des ganzen Erdenrunds in Korrespondenz treten.
Historische Reisezeiten im Überblick
Römische Antike
Von Rom nach Konstantinopel dauerte etwa 40 bis 50 Tage. Nach Alexandria waren es etwa 20 bis 30 Tage. Die Tagesreise zwischen den Stationen betrug 25 bis 30 Kilometer.
Mittelalter
Von Hamburg nach Lübeck brauchte man 2 bis 3 Tage. Die Strecke von Lübeck nach Nowgorod dauerte 4 bis 6 Wochen. Von Nürnberg nach Venedig waren es 2 bis 3 Wochen.
Frühes 19. Jahrhundert vor dem Dampfschiff
Von Europa nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung dauerte 90 bis 120 Tage. Nach China waren es 6 bis 12 Monate. Von New York nach Liverpool mit dem Segler waren es 6 bis 8 Wochen.
Dampfschiff-Ära ab 1838
Mit dem Dampfschiff über Suez verkürzte sich die Reise von Europa nach Indien auf 40 bis 50 Tage. Von New York nach Liverpool mit dem Dampfer waren es nur noch 2 Wochen. Von Bombay nach Hongkong rechnete man mit 26 bis 28 Tagen.
Nach der Eisenbahn
Von Hamburg nach Berlin schaffte man es in 4 bis 5 Stunden, von Frankfurt nach Mainz in anderthalb Stunden für 85 Kilometer, von Köln nach Brüssel in 3 Stunden.
Die Weltumspannende Reise: Hamburg nach Hongkong um 1850
Die Strecke von Hamburg nach Hongkong gliederte sich in mehrere Abschnitte: Hamburg nach London dauerte 1 bis 2 Tage per Eisenbahn, London nach Brindisi 5 Tage per Eisenbahn und Küstenschiff, Brindisi nach Alexandria 3 Tage per Dampfer, Alexandria nach Suez 4 Tage auf dem Landweg, Suez nach Bombay 12 bis 15 Tage per Dampfer, und Bombay nach Hongkong 26 bis 28 Tage per Dampfer. Insgesamt waren es etwa 45 bis 55 Tage für die gesamte Strecke.
Entdeckungsreisen und Weltumsegelungen
Kolumbus erste Reise 1492 dauerte etwa 7 Wochen. Vasco da Gama brauchte für die Fahrt nach Indien 1497 etwa 10 Monate. Magellans Weltumsegelung von 1519 bis 1522 dauerte 3 Jahre. Francis Drake umsegelte die Welt von 1577 bis 1580 in etwa 3 Jahren, Cavendish von 1586 bis 1588 in etwa 2 Jahren, und Oliver van Noort von 1598 bis 1601 ebenfalls in etwa 3 Jahren.
Segelschiffahrt nach Regionen
Nach Amerika brauchte ein Segelschiff 6 bis 10 Wochen, ein Dampfer um 1850 nur 2 Wochen. Nach Afrika waren es 2 bis 4 Wochen mit dem Segler, 1 bis 2 Wochen mit dem Dampfer. Nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung dauerte es 3 bis 6 Monate mit dem Segler, aber nur 4 bis 6 Wochen mit dem Dampfer. Nach China waren es 6 bis 12 Monate mit dem Segler und 6 bis 8 Wochen mit dem Dampfer. Eine Weltumsegelung dauerte mit dem Segelschiff 2 bis 4 Jahre, mit dem Dampfer nur 6 bis 12 Monate.
Die Grand Tour: Bildung und Reisen
Typische Dauer und Routen
Die Grand Tour dauerte im 17. Jahrhundert typischerweise 2 bis 5 Jahre als Kavaliersreise. Im 18. Jahrhundert verkürzte sie sich auf 1 bis 3 Jahre dank besserer Straßen. Goethe plante 1756 eine dreijährige Reise durch die Niederlande, England, Frankreich und Italien.
Die klassische Route führte durch Deutschland, Frankreich und Italien. Eine nördliche Route ging durch Deutschland, die Niederlande und England. Die komplette Tour umfasste alle genannten Stationen plus die Schweiz.
Lord Byrons Grand Tour
Lord Byron reiste von 1809 bis 1811 von London nach Lissabon in etwa 2 Wochen, von Lissabon nach Gibraltar in etwa 1 Woche, von Gibraltar nach Malta in etwa 2 Wochen, von Malta nach Griechenland in etwa 1 Woche, von Griechenland nach Konstantinopel in etwa 2 Wochen, von Konstantinopel nach Athen in etwa 1 Woche, und von Athen zurück nach London in etwa 4 Wochen. Insgesamt dauerte seine erste Grand Tour etwa 2 Jahre. Italien besuchte er dann von 1816 bis 1824.
Alpenreisen: Von der Wissenschaft zur Massenbewegung
Die Entwicklung
Vor 1750 unternahmen nur einzelne Wissenschaftler Alpenreisen. Nach Rousseau begann der Massentourismus in die Berge. 1775 folgten Goethe und Stolberg dem Trend. Ab 1863 gründeten sich Gebirgs- und Alpenvereine.
Goethes Italienreise 1786-1788
Die Route nach Rom
Von Karlsbad nach Regensburg brauchte Goethe etwa 1 Tag per Kutsche, von Regensburg nach München another 1 Tag, von München nach Innsbruck another 1 Tag, von Innsbruck über den Brenner nach Verona another 1 Tag, und von Verona über Venedig nach Rom etwa 4 Tage. Insgesamt war Goethe von Karlsbad nach Rom etwa 9 bis 11 Tage unterwegs.
Aufenthalte in Italien
In Rom hielt sich Goethe von September 1786 bis Februar 1787 auf, etwa 5 Monate. Neapel und Sizilien besuchte er von März bis Juni 1787, etwa 3 Monate. Den zweiten Römischen Aufenthalt plante er von Juni 1787 bis April 1788, etwa 10 Monate. Insgesamt verbrachte Goethe von September 1786 bis Juni 1788 etwa 21 Monate in Italien.
Goethes Kosten
Für Unterkunft über 18 Monate gab Goethe etwa 2.000 bis 4.000 Gulden aus, für die Reise selbst etwa 500 bis 1.000 Gulden, und für Kunst etwa 500 bis 1.000 Gulden. Insgesamt kostete ihn die Reise etwa 3.500 bis 7.000 Gulden.
Reisezeiten beim Wiener Kongress 1814-1815
Anreise der Diplomaten
Von Berlin nach Wien dauerte die Reise 1814 etwa 2 bis 3 Tage, während sie 1890 nur noch etwa 8 Stunden dauerte. Von Paris waren es 1814 etwa 5 bis 7 Tage, 1890 nur noch etwa 14 Stunden. Die längste Anreise hatten Gäste aus St. Petersburg mit 3 bis 4 Wochen 1814 und nur noch 36 Stunden 1890. Aus London waren es 2 bis 3 Wochen beziehungsweise etwa 24 Stunden 1890. Aus Madrid reiste man 4 bis 6 Wochen oder 30 Stunden, aus Rom 2 bis 3 Wochen oder 18 Stunden.
Kosten einer Wien-Reise 1814
Eine Kutsche von Wien nach Paris zu mieten kostete 300 bis 500 Gulden. Ein einfaches Hotelzimmer pro Nacht kostete 3 bis 5 Gulden, ein Luxushotel 20 bis 50 Gulden. Für einen zweiwöchigen Aufenthalt konnte man mit Gesamtkosten von 500 bis 2.000 Gulden rechnen. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals etwa 100 bis 200 Gulden pro Jahr.
Von Straßburg nach Paris: Die Beschleunigung der Geschichte
Entwicklung der Reisezeit
1650 brauchte man für die etwa 500 Kilometer mit der Kutsche etwa 218 Stunden, also etwa 9 Tage, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 2,3 Kilometern pro Stunde. 1782 war man mit der Postkutsche in 108 Stunden oder etwa 4,5 Tagen unterwegs bei 4,6 Kilometern pro Stunde. 1814 schaffte man es in 70 Stunden oder etwa 3 Tagen bei 7 Kilometern pro Stunde. 1834 war man in 47 Stunden oder etwa 2 Tagen bei 10,6 Kilometern pro Stunde. 1845 dauerte die Fahrt mit der Eisenbahn nur noch 10 Stunden und 40 Minuten bei etwa 47 Kilometern pro Stunde. 1887 schließlich brauchte man nur noch 8 Stunden und 49 Minuten für etwa 57 Kilometer pro Stunde.
Die Beförderungskosten betrugen 1798 für eine Diligence zweiter Klasse 73 Francs. 1887 zahlte man für die Eisenbahn zweiter Klasse nur noch 44 Francs.
Statistik: Wie viele Menschen reisten?
Eisenbahnreisende weltweit
1875 gab es 296.000 Eisenbahnkilometer mit 1.550 Millionen Passagieren weltweit. 1885 wuchs das Netz auf 486.188 Kilometer mit 2.030 Millionen Passagieren. 1888 waren es 572.570 Kilometer mit etwa 2,5 Milliarden Passagieren. Täglich verkehrten über 4 Millionen Personen auf allen Schienenstraßen der Erde.
In Europa allein waren es 1885 insgesamt 195.665 Eisenbahnkilometer, 56.550 Lokomotiven, 116.500 Personenwagen, über 1.500 Millionen Passagiere und 781 Millionen Tonnen Güter.
Auswanderung in die USA
Von 1821 bis 1892 wanderten insgesamt etwa 16,837 Millionen Menschen in die USA ein. Nach Herkunft遥遥领先 Großbritannien und Irland mit 6,556 Millionen, gefolgt von Deutschland mit 4,798 Millionen. Aus Schweden und Norwegen kamen 1,061 Millionen, aus Österreich-Ungarn 604.863, aus Rußland 531.527 und aus Italien 540.417.
Kaufkraft und Löhne um 1890
Was kosten konnte man sich leisten?
Ein Kilogramm Brot kostete 0,30 Mark, ein Kilogramm Fleisch 1,50 Mark. Eine Eisenbahnfahrt über 100 Kilometer in der dritten Klasse kostete 4 bis 6 Mark, eine einfache Übernachtung 2 bis 5 Mark, eine luxuriöse Übernachtung 10 bis 50 Mark.
Ungelernte Arbeiter verdienten 1,50 bis 2,50 Mark pro Tag, gelernte Arbeiter 2,50 bis 4,00 Mark. Für eine Mark konnte man um 1890 etwa 3 Kilogramm Brot, 0,7 Kilogramm Fleisch kaufen oder etwa ein Viertel Tagelohn für eine 100-Kilometer-Zugfahrt dritter Klasse ausgeben.
Einkommensgruppen in Preußen
40 Prozent der Bevölkerung waren mit bis zu 525 Mark im Jahr dürftig gestellt, 54 Prozent hatten kleine Einkommen von 526 bis 2.000 Mark, 5 Prozent mäßige von 2.001 bis 6.000 Mark, 0,9 Prozent mittlere von 6.001 bis 20.000 Mark, 0,12 Prozent große von 20.001 bis 100.000 Mark, und nur 0,01 Prozent sehr große über 100.000 Mark.
Reisebüros und Pauschalreisen
Die Anfänge des organisierten Tourismus
Die erste organisierte Tour durch Thomas Cook fand 1841 statt. Galignani in Paris war Anfang des 19. Jahrhunderts aktiv. Die erste deutsche Gesellschaftsreise in den Orient organisierte Stangen 1864. Stangens erste Weltreise von 1878/79 kostete 14.000 bis 23.000 Francs. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals etwa 500 bis 1.000 Francs pro Jahr.
Fazit: Reisen wurde billiger und schneller
Zwischen 1800 und 1890 veränderte sich das Reisen fundamental. Für die Strecke Straßburg nach Paris brauchte man 1800 etwa 9 Tage bei etwa 2,5 Kilometern pro Stunde. 1850 waren es nur noch etwa 2 Tage bei 10 Kilometern pro Stunde. 1890 schaffte man die 500 Kilometer in etwa 9 Stunden bei etwa 57 Kilometern pro Stunde.
Die Kosten sanken von teuer auf 44 Francs zweiter Klasse. Die Zahl der Reisenden wuchs von sehr wenigen zu Millionen. Versicherungsschutz gab es 1800 kaum, 1890 gab es bereits gesetzliche Unfallversicherung.
Quellen
Brockhaus, Artikel „Post” (Band 13, S. 274-277); Brockhaus, Artikel „Postwesen” (Band 13, S. 329-331); Meyers Lexikon, Artikel „Dampfschiff” (Band 4, S. 485-488); Meyers Lexikon, Artikel „Eisenbahn” (Band 4, S. 857-859); Meyers Lexikon, Artikel „Reisen” (Band 12, S. 746-748). Stand: ca. 1890.
Quellen: Brockhaus & Meyers Lexikon, ca. 1890; Stand: 2026