Die Geschichte der Eisenbahn: Von den Bergwerksbahnen zur Weltreise
Quellen: Brockhaus (Band 5, S. 857-859); Meyers Lexikon (Band 4, S. 428)
Begriff und Wesen
Eisenbahnen sind im weitesten Sinne Straßen, auf denen die Fahrzeuge in festen Schienengleisen durch tierische oder äußere Kräfte fortbewegt werden. Durch die Anordnung von Schienengleisen wird die Reibung zwischen Radreifen und Straßenfläche sehr vermindert, wodurch große Lasten mit geringen Kräften fortbewegt werden können.
Geschichtliche Entwicklung
Antike Spurbahnen
Die Anwendung der Spurbahn zur Fortbewegung von Lasten ist uralt. Die Tempelstraßen der Griechen, auf denen mit Götterbildern und Laubwerk hoch aufgebaute Opferfuhrwerke sich bewegten, waren sorgfältig in Stein ausgehauene Spurstraßen. Die griechischen Spurstraßen hatten auch Ausweichgleise. Auch in den Steinbrüchen der alten Ägypter finden sich Reste von Spurbahnen für den Transport schwerer Steinblöcke.
Mittelalterliche Holzbahnen
Die Holzbahnen, aus denen die jetzigen Eisenbahnen hervorgingen, dienten bei Bergwerken. Auf ihnen rollten Hunde, kleine Wagen, talwärts, während sie bergauf von Pferden gezogen oder von Menschen geschoben wurden. Derartige Holzbahnen waren bei den Bergwerken im Harz seit Jahrhunderten im Gebrauch, und deutsche Bergleute sollen dieselben zur Zeit der Königin Elisabeth nach England gebracht haben.
Der Übergang zum Eisen
1767 veranlasste der Niedergang der Eisenpreise die Einführung eiserner Schienen an Stelle der hölzernen Langschwellen. Der Gebrauch der eisernen Schwellen an Stelle der hölzernen erschien wegen der geringeren Abnutzung so vorteilhaft, dass auch nach erfolgter Preissteigerung die eisernen Schwellen doch belassen wurden. 1820 wurden auf dem Bedlington-Eisenwerke bei Durham durch John Berkinshaw die ersten Schienen aus Schmiedeeisen von 15 Fuß Länge gewalzt.
Die Erfindung der Lokomotive
Richard Trevithick (1804)
Der erste Versuch, Kohlenwagen auf Spurbahnen mittels einer dampfgetriebenen Maschine fortzuziehen, wurde 1804 von Richard Trevithick auf der Merthyr-Tydfil-Bahn in Südwales gemacht.
George Stephenson
1814 ließ Georg Stephenson Versuche mit Maschinen auf glatten Rädern anstellen und befuhr mit Erfolg die Grubengleise bei Newcastle. Mit einer von ihm erbauten Maschine wurde auf der Stockton-Darlington-Bahn am 27. September 1825 der erste mit Personen besetzte Wagenzug mit einer Geschwindigkeit von 6 englischen Meilen, etwa 10 Kilometern, in der Stunde befördert.
Die Rainhill-Wettfahrt (1829)
Die Erbauer der Eisenbahn von Liverpool nach Manchester schrieben eine Preisbewerbung für die beste Lokomotivmaschine aus. Die Wettfahrt fand am 6. Oktober 1829 bei Rainhill statt. Stephenson mit seiner Lokomotive Rocket trug den Preis davon.
Stephensons wichtige Erfindungen waren das Blasrohr, durch das der Austritt des Dampfes in den Schornstein die Dampferzeugungskraft auf das Vierfache hob, sowie die Siederöhren, die durch zahlreiche enge Röhren im Kessel die Feuerfläche vergrößerten.
Die erste öffentliche Eisenbahn
Die Liverpool-Manchester-Bahn wurde am 15. September 1830 dem öffentlichen Verkehr übergeben. Zehn Jahre später waren schon die Hauptstädte Englands sämtlich durch Eisenbahnen verbunden.
Die ersten Eisenbahnen weltweit
1825 fuhr die erste Eisenbahn in England von Stockton nach Darlington. 1830 folgte die Liverpool-Manchester-Bahn in England. 1835 baute Belgien die erste Lokomotivbahn auf dem Kontinent von Brüssel nach Mecheln. Am 7. Dezember 1835 eröffnete Deutschland seine erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Sachsen folgte am 14. April 1837 mit der Leipzig-Dresdener Bahn von Leipzig nach Althen. Am 17. November 1837 begann der Betrieb in Österreich von Floridsdorf nach Wagram. Frankreich eröffnete am 26. August 1837 die Strecke Paris nach Saint-Germain. Preußen schloss sich am 1. Dezember 1838 mit der Zehlendorf-Potsdam-Bahn an.
In Deutschland erwarben sich Friedrich List und Gustav Harkort hervorragende Verdienste um den Eisenbahnbau.
Technische Entwicklung
Das Signalwesen
Robert Stephenson erkannte zuerst die Notwendigkeit von Signalen und führte solche ein. Die Leipzig-Dresdener Eisenbahn besaß 1838 das erste Signalbuch.
Die elektrische Telegraphie
Ende der 1830er Jahre wurde die elektrische Telegraphie im Eisenbahnbetrieb eingeführt, zunächst in England durch Robert Stephenson. 1843 wurde in Deutschland erstmals die Elektrizität in den Dienst der Eisenbahn gestellt: der erste elektrische Klingelapparat fand auf der Taunusbahn Anwendung.
Deutsche Eisenbahnen: Statistik 1892
Fahrzeuge und Betrieb
Die deutschen Eisenbahnen verfügten 1892 über 15.475 Lokomotiven mit einem Wert von 667.831.691 Mark, 28.901 Personenwagen mit 64.666 Achsen im Wert von 245.948.414 Mark, und 308.336 Güterwagen mit 627.359 Achzen im Wert von 903.644.401 Mark. Insgesamt gab es 1.231.128 Sitz- und Stehplätze.
Verkehrsleistungen 1892
Die Eisenbahnen beförderten 1892 insgesamt 488.170.937 Personen über 11.782.399.963 Personenkilometer bei einer Einnahme von 3,01 Pfennig pro Personenkilometer. Güter wurden 230.864.051 Tonnen über 23.215.170.487 Tonnenkilometer transportiert.
Eisenbahnunfälle 1892
Es gab insgesamt 3.517 Unfälle. 46 Personen wurden getötet, das entspricht 0,09 auf eine Million Reisende. 217 Personen wurden verletzt, etwa 0,44 auf eine Million. Die vorhandenen Plätze der Personenwagen wurden mit 23,76 Prozent ausgenutzt.
Das internationale Eisenbahnwesen
Der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen umfasste zeitweise über 77.600 Kilometer Bahnen. Zu den bedeutendsten Errungenschaften gehörten das internationale Eisenbahnfrachtrecht zur Beseitigung der Frachtrechtsverschiedenheiten, die technische Einheit im Eisenbahnwesen und die zollsichere Einrichtung der Eisenbahnwagen im internationalen Verkehr.
Eisenbahn und Gesellschaft
Demokratisierung des Reisens
Die Eisenbahnen haben durch Verbilligung und Beschleunigung des Verkehrs den Handel gehoben, die Städte verbunden und den Verkehr zwischen den Nationen gefördert wie kein anderes Verkehrsmittel. Die Eisenbahn hat das Reisen demokratisiert.
Gebirgsbahnen und Alpenpässe
Die Eisenbahn hat auch die entlegensten Gebirgsgegenden erschlossen und den Tourismus in den Alpen revolutioniert.
Quellen: Brockhaus, Meyers Lexikon, ca. 1890; Stand: 2026