Goethes Italienreise 1786-1788: Die Bildungsreise eines Dichters
Quellen: Meyers Lexikon, Artikel „Goethe” (Band 7, S. 549-551); Stand: ca. 1890
Einleitung: Die Sehnsucht nach Italien
In den Jahren zwischen 1780 und 1786 erwachte in Goethe die ständig wachsende Sehnsucht, Italien zu sehen und seine Jugendsehnsucht zu befriedigen. Die Sehnsucht Goethes, Italien zu sehen, bewog den Dichter zum raschen Abbruch all seiner heimischen Beziehungen und zum Entschluss einer fluchtähnlichen Reise nach Rom.
Der Abschied aus Weimar
Die Situation 1786
Goethe war zehn Jahre in Weimar, als Staatsmann, Dichter und in einer Beziehung mit Charlotte von Stein. Er war zutiefst unzufrieden mit seinem Leben. In Weimar war nur seinem vertrauten Diener und Sekretär Philipp Seidel sein Reiseziel bekannt.
Das Inkognito
Goethe reiste unter dem Namen eines Kaufmanns Möller aus Leipzig, um nicht erkannt zu werden.
Die Reiseroute 1786
Der Weg nach Italien
Goethe reiste von Karlsbad ab, über Regensburg, München und Innsbruck zum Brenner-Pass, dann über den Gardasee, Verona nach Venedig und schließlich nach Rom. Die gesamte Reise dauerte etwa 9 bis 11 Tage mit der Kutsche.
Er reiste mit einem Gefühl, als ob ihm die Erfüllung seines Traums noch jetzt abgeschnitten werden könne. Erst unter der Porta del Popolo war er gewiss, Rom zu haben. Das Tor, durch das jeder Reisende nach Rom eintrat, war für Goethe der Moment, als sein Traum wahr wurde.
Das erste Rom
Was Goethe dort tat
Goethe vollendete in Rom die metrische Überarbeitung seiner Iphigenia. Mit einer Art leidenschaftlicher Hartnäckigkeit warf er sich auf Zeichnen, Modellieren und Malen, um sich am Ende doch zu überzeugen, dass für ihn wohl die Schärfung des Blickes, die Erweiterung seiner Kunstkenntnisse, aber keineswegs eine produktive Tätigkeit als bildender Künstler möglich sei.
Neapel und Sizilien
Die Reise nach Sizilien
Im März 1787 verweilte der Dichter in Neapel und ging dann nach Sizilien hinüber, das er mit schwelgendem Entzücken sah. Er war der erste deutsche Dichter, der Sizilien besuchte. Die Erfahrung prägte ihn zutiefst.
Das zweite Rom
Begegnungen
In Rom traf Goethe auf Tischbein als Maler und Freund, Heinrich Meyer als Kunstkenner und Freund, Karl Philipp Moritz als Schriftsteller und Freund, und Angelika Kauffmann als Malerin und Hausfreundin. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein malte das berühmte Porträt Goethe in der Campagna mit Blick auf Rom in der Landschaft sitzend. In Rom entstanden die Römischen Elegien, Liebesgedichte an eine junge Römerin.
Die Abreise aus Rom
Ende April 1788 rüstete er sich zur Heimfahrt, nachdem er zuvor noch einmal den römischen Karneval mitgefeiert hatte. Er reiste über Florenz mit seinen Prachtgärten, wo er das Tasso-Manuskript förderte, und weiter nach Mailand, um Abschied von Italien zu nehmen, bevor er nach Deutschland zurückkehrte.
Goethes Bilanz
Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser anderthalbjährigen Einsamkeit selbst wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler.
Italien gab Goethe seine künstlerische Identität und die Erkenntnis seiner Berufung. Er vollendete Iphigenia und Egmont, schuf die Römischen Elegien, arbeitete an Wilhelm Meister weiter und begann die Umarbeitung von Tasso.
Kosten einer Italienreise
Für Unterkunft über 18 Monate gab Goethe etwa 2.000 bis 4.000 Gulden aus. Für die Reise selbst etwa 500 bis 1.000 Gulden, für Kunstankäufe etwa 500 bis 1.000 Gulden, für Gesellschaft etwa 500 bis 1.000 Gulden. Insgesamt kostete ihn die Reise etwa 3.500 bis 7.000 Gulden. Zum Vergleich: Ein Staatsbeamter in Weimar verdiente etwa 1.000 bis 2.000 Gulden pro Jahr.
Fazit: Goethes Beitrag zur Italienreise
Goethe schrieb als einer der ersten ausführlich über seine Italienreise. Die Italienische Reise wurde zum Standardwerk der deutschen Reiseliteratur. Seine künstlerische Selbsterkenntnis half ihm, seine Grenzen als Bildender zu erkennen. Seine daraus resultierenden Werke machten Italien endgültig zum ewigen Sehnsuchtsort der deutschen Kultur.
Quellen: Meyers Lexikon, Brockhaus, ca. 1890; Stand: 2026