HerrHohlbein

Herr Hohlbein

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Ozeandampfer & Das Blaue Band

Die Jagd nach Geschwindigkeit

Auf dem Atlantischen Ozean hat sich eine Unsitte ausgebildet, welche darin besteht, dass die Dampfer der verschiedenen Linien in der Schnelligkeit einander den Rang abzulaufen suchen. So beschrieb es das Meyers Konversations-Lexikon 1891, und es trifft den Nerv der Sache: Die Reedereien wetteiferten um das berühmte Blaue Band – eine inoffizielle Auszeichnung für das schnellste Passagierschiff über den Nordatlantik.


Die Anfänge (1830er–1850er)

Die Idee des Blauen Bandes

Mit den ersten Ozeandampfern entstand die Idee des Blauen Bandes. 1838 schaffte es die Great Western in etwa 15 Tagen von England nach Amerika. Bis in die 1860er Jahre sank die Zeit auf etwa 9 Tage, und die Geschwindigkeiten stiegen kontinuierlich.

Isambard Kingdom Brunel

Der geniale Ingenieur Isambard Kingdom Brunel (1806–1859) baute die berühmtesten Schiffe seiner Zeit. Die Great Western von 1835 war der erste Ozeandampfer seiner Linie. Die Great Britain von 1842 war das erste Eisen-Dampfschiff der Welt. Und die Great Eastern von 1857 war ein Leviathan mit 207 Metern Länge – ein Schiff, das seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war.


Die Blütezeit (1860er–1880e

Die Geschwindigkeits-„Unsitte”

Wie das Meyers Lexikon 1891 berichtete, entwickelte sich ein regelrechtes Wettrüsten zwischen den Reedereien. Anfangs waren die Engländer den Deutschen weit voraus, aber in den letzten Jahren vor 1891 haben deutsche Schiffe die englischen wiederholt geschlagen. Von beiden Seiten wurden die größten Anstrengungen gemacht, um – leider auf Kosten der Sicherheit des Schiffspersonals und der Reisenden – die Fahrzeit immer mehr abzukürzen.

Die großen Dampfer um 1891

Die Great Eastern der White Star Line war mit 207 Metern das größte Passagierschiff ihrer Zeit, 27.400 Tonnen schwer und mit 7.650 PS ausgestattet. Die Teutonic und Majestic der White Star Line maßen jeweils 172 Meter. Die Fürst Bismarck und Normannia der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrtgesellschaft (HAPAG) waren 153 Meter lang mit 11.400 Tonnen und 16.000 PS. Der Norddeutsche Lloyd schickte die Spree und Lahn mit 141 Metern und 12.770 PS ins Rennen.


Der Deutsche Rekord: Fürst Bismarck (1891)

Das Schnellste Schiff der Welt im Jahr 1891 war der deutsche Dampfer Fürst Bismarck der HAPAG. Das Schiff hatte 2.700 Tonnen Kohle an Bord und war eingerichtet für 420 Reisende erster, 170 zweiter Klasse, 705 Zwischendecksreisende und 270 bis 300 Mann Besatzung.

Die Rekordfahrt von Hamburg nach New York dauerte hin nur 6 Tage, 14 Stunden und 15 Minuten – mit durchschnittlich 19,51 Knoten. Die Rückreise war sogar noch schneller: 6 Tage, 13 Stunden und 15 Minuten bei 19,78 Knoten. Die beste Tagesleistung lag bei 20,4 Knoten.


Die Cunard-Linie

Samuel Cunard (1787–1865)

Samuel Cunard begründete 1840 die transatlantische Dampfschiffahrt. Obwohl die namhaftesten Techniker abrieten, unternahm er dennoch, regelmäßige Dampfschiffahrten zwischen Boston, New York und Liverpool einzurichten. Sein erstes Schiff, die Britannia, fuhr am 4. Juli 1840 von Liverpool ab und kam glücklich in Boston an.

Die Cunard-Flotte umfasste 1885 insgesamt 27 Ozeandampfer mit 98.775 Tonnen und 101.943 PS. 1884 stellten die Etruria und Umbria mit 19 Knoten einen Geschwindigkeitsrekord auf – ein signifikanter Sprung nach vorne.


Das Blaue Band bis zur Titanic

Die Entwicklung nach 1891

Nach 1891 ging das Wettrüsten weiter. Die Campania und Lucania von Cunard erreichten um 1892/1893 etwa 21 bis 22 Knoten. Die Deutschland von HAPAG schaffte um 1900 etwa 23 Knoten. Die Lusitania von Cunard fuhr um 1907 rund 24 Knoten, und die Mauretania von 1909 erreichte sensationelle 25 Knoten.

Die Wahrheit über die Titanic

Die RMS Titanic von 1912 war ein Schiff der White Star Line – und hatte das Blaue Band nie gewonnen. Sie war ein Schiff der Luxusklasse, nicht der Geschwindigkeitsklasse. Ihr Ziel war Komfort, nicht Rekorde.


Die Schattenseite

Sicherheit vs. Geschwindigkeit

Das Lexikon warnte bereits 1891: Die Anstrengungen wurden auf Kosten der Sicherheit des Schiffspersonals und der Reisenden unternommen. Für Rekordgeschwindigkeiten brauchte man mehr Kohle – die Fürst Bismarck verbrauchte 2.700 bis 3.500 Tonnen pro Reise. Mehr Crew für die Maschinen, mehr Verschleiß an den Maschinen, und mehr Risiko: Turbinen, Kessel und Navigation unter permanenter Beanspruchung.


Zahlen und Fakten (ca. 1890)

Der Welt-Schiffspark

Weltweit waren etwa 142.500 Schiffe mit 20.400.000 Tonnen unterwegs, davon etwa 61.700 Schiffe mit 14.559.600 Tonnen im atlantischen Verkehr. Europas Anteil betrug etwa 28.768 Schiffe mit 10.088.197 Tonnen. Im Postdampferverkehr auf dem Atlantik dominierten die Engländer mit 9 Linien, während die Deutschen mit 4, die Franzosen, Holländer und Belgier mit je einer Linie vertreten waren.


Die letzten Rekorde

Nach 1900

Nach 1900 beschleunigte sich das Rennen noch. Die Mauretania fuhr um 1909 etwa 25 Knoten. Die Bremen von HAPAG erreichte 1929 rund 28 Knoten. Die Rex der Italia fuhr 1938 etwa 31 Knoten. Den letzten offiziellen Rekord für das Blaue Band stellte 1952 die SS United States auf: 35 Knoten – 65 Kilometer pro Stunde.


Technische Entwicklung

Von Segel zu Dampf

1825 fuhren erste Dampfschiffe etwa 9 Knoten. 1838 kombinierte die Great Western Dampf und Segel für etwa 11 Knoten. 1842 war die Great Britain mit Eisenrumpf und Dampf rund 12 Knoten schnell. In den 1860er Jahren erreichten Dampfer mit Eisenrümpfen etwa 13 Knoten. Die 1880er brachten Stahl und Dreifach-Expansionsmaschinen für 17 bis 19 Knoten. Die Turbinen der 1900er ermöglichten schließlich über 25 Knoten.


Kommentare und Anmerkungen

Das Blaue Band war eine inoffizielle Auszeichnung – es gab keine zentrale Vergabestelle. Der Name stammt vom blauen Band im Knopfloch, das britische Adlige als Auszeichnung trugen. Nach 1952 wurde das Blaue Band nicht mehr offiziell vergeben, da moderne Passagierschiffe nicht mehr primär um Geschwindigkeit konkurrierten.


Quellen

Meyers Konversations-Lexikon, 1885–1892; Brockhaus Konversations-Lexikon, 1885–1892; Artikel: Dampfschiff (Geschichtliches), Cunard Steam Ship Company, Brunel Isambard Kingdom, Atlantischer Ozean (Verkehrsverhältnisse).


Quellen: Meyers Konversations-Lexikon, Brockhaus Konversations-Lexikon, 1885–1892; Stand: 2026